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2005-070-
Der Krieg der Welten
von Wells, Herbert George

Westdeutscher Rundfunk 1977 [54'/50MB]

Hörspiel (Drama, Science Fiction)
-> Einzeltitel [keine Serie] 

Regie: Schöning, Klaus
Bearbeitung: Howard Koch (Bearbeitung)
Übersetzung aus dem: Englischen
Sprecher: Orson Welles, Eva Garg, Jürgen Thormann, Dieter Thoma, Lothar Dombrowski, Christian Brückner, Gert Haucke, Robert Seibert u.v.a.

Am 30. Oktober 1938 löste der Regisseur Orson Welles mit seiner Live-Sendung "The War of the Worlds" eines der spektakulärsten und folgenreichsten Ereignisse der Radio-Geschichte aus: Tausende amerikanischer Zuhörer glaubten an eine Invasion der Marsmenschen aus dem Weltall. Howard Koch, der das SF-Hörspiel für Orson Welles, den damals 23jährigen Leiter des (Radio) Mercury Theatre in New York, adaptierte, erinnerte sich: "Zwischen neun Uhr abends New Yorker Zeit und der Frühe des nächsten Tages flüchteten Männer, Frauen und Kinder in Dutzenden von Städten im ganzen Land vor Dingen, die nur in ihrer Phantasie existierten. Die Menschen flüchteten blind in alle Richtungen, zu Fuß und in allen möglichen Fahrzeugen. Die Szene in Newark, wie sie mir später beschrieben wurde, war ein vollständiges Chaos." Howard Koch, Autor des Science-Fiction-Hörspiels, berichtet über seine Entstehung, die gleichzeitig Auskunft gibt über die Situation des Hörspiels in den USA der dreißiger Jahre "Damals war ich ein unbekannter junger Autor in meinem ersten Job, der darin bestand, die Hörspiele für die Sonntagabend-Programme des Mercury Theatre zu schreiben, die von CBS veranstaltet wurden. Im Mittelpunkt standen der Name und die Talente von Orson Welles. Jede Woche zum Probenbeginn hatte ich sechzig Manuskriptseiten abzuliefern, die irgendein literarisches Werk dramatisierten - gewöhnlich einen Roman oder eine Kurzgeschichte, die mir Orson Welles oder sein Co-Produzend John Houseman gaben. Beide stellten ziemlich hohe Ansprüche. Dann kam der Tag, an dem mir ein Roman gegeben wurde - H.G. Wells' "Der Krieg der Welten" - mit der Auflage, ihn in Form von Nachrichtensendungen zu dramatisieren. Während ich die Geschichte las, die in England spielte und in herkömmlicher Erzählform geschrieben war, wurde mir klar, daß ich praktisch nur die Idee einer Marsmenscheninvasion und die Beschreibung ihres Äußeren und ihrer Maschinen verwenden konnte. Kurz, es wurde von mir verlangt, ein fast neues Stück von einer Stunde Spieldauer in sechs Tagen zu schreiben. Ich rief John Houseman an und bat darum, die Sache auf einen späteren Termin zu verlegen. Er sprach mit Orson und rief zurück. Die Antwort war ein entschiedenes "Nein", Orson hatte sich dieses Projekt in den Kopf gesetzt. Die ersten vierundzwanzig Stunden nach der Sendung hing das Schicksal von uns allen, die wir mitgewirkt hatten, an einem seidenen Faden. Orson Welles, über Nacht eine Weltberühmtheit, fuhr mit der Mercury Truppe nach Hollywood und drehte den Klassiker "Citizen Kane". Joseph Cotten wurde ein Star, während John Houseman mehrere ausgezeichnete Filme produzierte und das Shakespeare-Theater in Stratford, Connecticut, aufbauen half. Ich selbst wurde nach Hollywood und in einen Siebenjahresvertrag mit Warner Brothers katapultiert."

Anmerkung: Inkl. von Originaltönen der CBS-Produktion von 1938.

Die Radio-Fiktion von Orson Welles hat die Reportage als mögliches Mittel der Manipulation, der Verfälschung der Wirklichkeit mit ihren realen Konsequenzen vorgeführt. Diesem Stück in einer deutsch/englisch-sprachigen Interpretation von Klaus Schöning liegt der Versuch zugrunde, die im Original angelegten medienspezifischen Elemente spielerisch und kritisch zu verdeutlichen. Akustische Grundlage bildet die amerikanische Originalproduktion von Orson Welles. Nicht Verdoppelung, die das englischsprachige Original vergessen macht, war die Absicht, sondern eine Art bewußtgemachte Annäherung an das Original in Form einer "Zeitreise zurück" in das Jahr 1938. Das Original, ein Dokument mit eigener Realität und Geschichte, bleibt hörbar als Zitiertes, als Dokument, akustisch verstärkt durch die technisch nicht mehr einwandfreie historische Bandkopie. Der Vorgang des Übersetzens von einer Sprache in eine andere, von einer Realität in eine andere, ist eine zentrale Kategorie der deutschen Realisation. Während das amerikanische Original zügig die Illusion und den Schein nährt, Authentisches zu vermitteln, ist in der zweisprachigen Version der ins Spiel gehobene Illusionsbruch Voraussetzung der Handlung. "The war of the worlds" in der Inszenierung von Orson Welles und seinem Mercury Theatre ist in die Mediengeschichte eingegangen als das wohl spektakulärste Hörspiel aller Zeiten. Während sich CBS noch mit zahlreichen Klagen und Schadensersatz herumschlagen mußte, waren alle Beteiligten buchstäblich über Nacht berühmt geworden, allen voran Orson Welles, der war schon längst auf dem Weg nach Hollywood. Am 30. Oktober 1938 hörten ca. 6 Millionen Amerikaner aus ihren Radios den entsetzten Schrei eines Reporters: "Das ist das Grauenhafteste, was ich je erlebt habe! Aus dem Marsschiff kriecht etwas heraus. Ich sehe zwei leuchtende Scheiben aus einem dunklen Licht starren. Sind es Augen? Es könnte ein Gesicht sein, könnte auch ein ... Da windet sich etwas heraus, ein Ungetüm. Noch eins und noch eins..." Viele Zuhörer gerieten in Panik und glaubten tatsächlich an eine Invasion von Marsbewohnern. Sie verließen fluchtartig die Städte, schrien, weinten, beteten und erzeugten nun selbst das Chaos, das vermeintlich über sie hereingebrochen war. Nach den Terrorangriffen auf die USA am 11.9.2001 tauchte immer wieder der Vergleich mit einem amerikanischen Hörspielereignis des Jahres 1938 auf, in dem der Regisseur Orson Welles erstmals den Angriff ungeorteter Flugobjekte auf die USA vorstellbar gemacht hatte und dessen Titel heute zu einer gefährlichen politischen Formel geworden ist.

Personen (wahr):
Personen (fiktiv):
Geographischer Bezug: